Das Internet: Land der Missionare

Bevor du mir ungefragt eine Reply schreibst, solltest du das sorgfältig lesen.

Was stimmt eigentlich nicht mit euch, liebe Internetmenschen? Da schreibst du irgendetwas ins Netz und du könntest dein Hab und Gut darauf verwetten, dass so ein x-beliebiger Internetsonderling sich dazu berufen fühlt, dich zu belehren. Das beginnt schon bei den banalsten Dingen, fernab von politischen, religiösen oder philosophischen Ansichten.

Schreib z.B. bei Twitter: »Jetzt erstmal ein Glas kalte Coca Cola zur Erfrischung. Mhmmmm….«

Eigentlich müsste das keine Sau interessieren. Das ist eine Aussage, bei der ich mich frage, warum du sie überhaupt ins Netz stellen musst. Aber ja, wir leben ja in einer Zeit, in der wir via Instagram-Stories unser Leben dokumentieren und jeden Gedankenrotz direkt in 140 Zeichen packen müssen. Deshalb: Wenn du deine Trinkgewohnheiten mit uns teilen möchtest, dann mach das. Damit bist du in bester Gesellschaft. Mach doch noch ein Unboxing-Video, in der du von deiner „experience“ berichtest, DU TROTTEL! (Für alle, die nicht wissen, was ein Unboxing ist, habe ich ein Video in den Artikel eingebunden.)

Aber zurück zum Thema: Wie bereits erwähnt, müsste diese Aussage, welche Cola du präferierst, niemanden jucken. Doch wir leben ja im Jahre 2017, dem Informationszeitalter, was bedeutet, dass so ziemlich jeder Schmu einen Abnehmer findet – ganz gleich, ob du das willst oder nicht. Und schon bimmelt dein Smartphone. Nicht nur einmal, zweimal oder dreimal. Es kriegt sich gar nicht mehr ein. Hoffentlich ist dein iPhone zu 100% aufgeladen, denn der Shitstorm hat soeben erst begonnen. Also mach dich auf die größten Absurditäten der menschlichen Psyche gefasst, die in etwa so aussehen könnten:

»Nur die originale Coca Cola ist real! Die neuen Sorten sind scheiße!«
»Ich mag Afri Cola mehr! Die ist nicht so ein chemischer Rotz!«
»Wie kann man Cola nur trinken?!«
»Das ist doch kein richtiger Sommer.«
»Koffein macht Krebs!!!11«
»Weißt du, was du dir mit Cola überhaupt antust?«
»Ich bin Veganer.«
»Light-Produkte fördern Diabetes und machen trotzdem fett.«
»Die Ausländer trinken uns die Cola weg. Danke Merkel!«
»Es gibt kein Bier auf Hawaii!«

Ich könnte noch unendlich viele weitere Beispiele aufzählen, denn – ich betone – die menschliche Psyche ist mir ein absolutes Mysterium geworden. Aber ich erspare euch das jetzt. Ich denke, ihr habt ja nun eine grobe Vorstellung, von dem was ich meine.

Wie dem auch sei…

Das Internet ist scheiße geworden!

Das muss man so provokant ausdrücken. Daran ist aber nicht das Internet schuld, sondern die Menschen, die es nutzen. Denn Misanthropie war nie so angebracht wie heute. Wisst ihr noch, wie schön die Welt vor Facebook, Twitter & Co war? Da konnte man noch davon ausgehen, dass es sich beim durchschnittlichen Bundesbürger sicherlich um eine halbwegs gebildete, vielleicht etwas grantige, aber dennoch im Herzen gute Person handeln würde. Geistig gesund und halbwegs gesellschaftstauglich. Doch Pustekuchen!

Bei Facebook finden wir tagtäglich heraus, was unsere geliebten Mitmenschen wirklich denken – und hätten wir gewusst, wie die tatsächlich ticken, hätten wir das nie gewollt – und im restlichen Netz sehe ich Dinge, die mir den Beweis liefern, dass wir wirklich vom Affen abstammen, was für diese wiederum nicht sonderlich schmeichelhaft ist. YouTuber, direkt von der Sonderschule rekrutiert, die in ihrem Leben hundert mal mehr Geld scheffeln werden als ich je sehen werde oder geistig verwirrte Seelen, die bei Twitter seltsame Gedanken teilen und darüber hinaus mit ihren teils kuriosen Ansichten zwanghaft missionieren gehen müssen.

Früher, da habe ich nie verstanden, warum Filmbösewichte immer gleich die Welt in die Luft jagen wollen, doch heute würde ich ihnen sogar den Zünder reichen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Das Missionieren

Hier schließt sich nämlich der Kreis. Nicht nur, dass einige Menschen offensichtlich absolut geistig verwirrt sind, sie neigen zudem scheinbar auch zum Größenwahn. Ich meine, wie kommst du denn sonst zu der Annahme, dass mich dein Scheiß interessieren könnte, du mir völligst fremde (Internet-)Person?! Ich kenne dich nicht. Ich folge dir nicht mal bei Twitter. Und wenn ich deinen Gedankenmüll, den du rund um die Uhr zu deinem Besten gibst, so durchlese, will ich das auch eigentlich nicht ändern. Warum also sollte dein Wort für mich Gewicht haben? Ich habe dich nicht gesucht. Du hast mich gefunden! Ich habe dich nicht gefragt, dennoch hast du mir geantwortet. Leute, merkt ihr nicht, wie kaputt ihr seid?

Immer wenn ich eine Reply im Netz bekomme.

Ihr tigert durchs Netz, um Menschen von eurer Meinung zu überzeugen, die natürlich – auch das müssen wir festhalten – die einzig wahre ist. Schön, dass du die Erleuchtung gefunden hast und mir deine Erkenntnis nun einprügeln willst. Und falls ich mich dagegen wehre, dann nur, weil ich zu dumm bin, die Wahrheit zu erkennen. Also lass dich nicht von meiner Gegenwehr entmutigen. Und wenn ich noch nach hunderten von Argumenten nicht deiner Meinung bin, dann ist es halt so: Dann bin ich halt ein Hurensohn – wohl bemerkt ein nicht allzu selten genutzter Terminus von Menschen, die behaupten mir geistig als auch ideologisch überlegen zu sein – und mit diesen Worten gehöre ich selbstverständlich geblockt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Andere Meinungen stören ohnehin nur mein Weltbild.

»Juri, du bist doch auch gerade am missionieren!«, wird sich der ein oder andere Besserwisser, der sich nun angegriffen fühlt, wohl jetzt denken. Meine Antwort dazu: Du bist hier auf meiner Plattform, weil du mein Zeug lesen willst. Du bist aus freien Stücken hier. Keiner hat dich gezwungen. Ich bin nicht wie die Zeugen Jehovas ungefragt zu dir gekommen, um dir meine Meinung aufzuzwingen. Und das genau ist der Unterschied, meine Damen und Herren. Wir können ja von Zeit zu Zeit gerne mal diskutieren. Aber bitte mit den Menschen, die auch gefragt werden.

Wisst ihr noch damals?

Damals, als das Internet noch gut war? Denn, was viele vergessen, Facebook und Twitter waren nicht schon immer nutzloser Schund. Anfangs, da haben wir noch Dinge aus unserem Leben geteilt, um zu zeigen, wer wir sind oder wer wir gerne sein möchten. Wir haben Witze ins Netz geschrieben, um andere zum Lachen zu bringen. Oder wir nutzten das Netz, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir mögen, oder um Menschen wiederzufinden, die wir aus den Augen verloren haben. Das waren noch gute Zeiten. So können soziale Netzwerke Spaß machen.

Nicht so ein Dreck wie heute. Ein Ort, an dem Menschen ständig Werbung für ihre eigene Sache machen. Politik, Ernährung, Religion, … Was hat der ganze Kram auf Facebook und Twitter verloren und was hast du davon, wenn du mich änderst? Wir werden tagtäglich mit 6.000 bis 12.000 Werbebotschaften konfrontiert. Brauche ich dann noch zusätzlich eure?

Nein, ich fände es schön, in einem Internet zuhause zu sein, in dem jeder den Anderen sein lässt, wie er ist – selbst, wenn jemand beschließt ein Arschloch zu sein. Dieses Denken proklamieren wir doch Tag ein Tag aus im sogenannten „Reallife“. Angeblich sind wir doch alle so unheimlich weltoffen und liberal. Doch das Internet beweist mir in so ziemlich jeder Sekunde, dass dem nicht so ist.

Das einzige, was sich geändert hat ist, dass nicht mehr mit Schwertern und Lanzen, sondern Smartphones und Laptops in die Kreuzzüge gezogen wird.

 

Bildquellen: priester-silhouette-rot-abbildung-34132 (Pixabay)

Aus Gründen hier. Dein Gefährte durch Raum und Zeit. Der Büriff.

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