Der Fußball geht kaputt

Warum der Fußball und ich in einer Beziehungskrise stecken.

Seitdem ich denken kann, bin ich ein riesen Fußballfan. Früher, als ich klein war, verfolgte ich im Videotext (Seite 220) live alle Spiele. Dann, eine Stunde später, wurde jeden Samstag die Sportschau geguckt und sonntagmorgens natürlich auch der Doppelpass. So habe ich das jahrelang gehandhabt, bis ich mir vor wenigen Jahren einen ganz großen Traum erfüllt habe: Mein erstes Sky-Abo. Schweineteuer, aber das war es mir wert.

Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern.

Jetzt konnte ich alle Spiele live im Fernsehen schauen und jedes Match meines FC Bayern verfolgen. Dienstags und mittwochs Champions League, donnerstags Euro League und von Freitag bis Sonntag Bundesliga. Quasi jeden Tag Fußball. Was hätte ich als Kind nicht dafür getan?

Doch heute…

gucke ich samstags nicht mal mehr die Bayern-Spiele, sondern die Konferenz. Wenn ich ehrlich bin, schaue ich dabei sogar mehr auf mein Smartphone als auf den Fernseher, denn das Geschehen bei Twitter unterhält mich inzwischen mehr als das auf dem Fußballplatz. Und wenn ich »Toooor in München« höre, ertappe ich mich nicht selten dabei, dass ich hoffe, dass der Gegner – und nicht Lewandowski, Robben & Co. – eins gemacht hat. Nicht, weil ich meinen FCB nicht mehr mag. Ich hasse einfach nur Langeweile und das, was aus dem Fußball geworden ist. So sehr, dass ich mich frage, ob ich mein Sky-Abo überhaupt noch verlängern möchte.

Doch wie ist es soweit gekommen? Was hat sich geändert? Woran krankt der heutige Fußball? Diesen Fragen will ich heute mal auf den Grund gehen.

1. Alles wie immer

Die Bundesliga ist zwar per se keine langweilige Liga, denn der Abstiegskampf ist Jahr für Jahr sehr spannend und auch wenn ich sie als ungerecht empfinde, hat selbst die Relegation ihren Reiz. Aber wenn ich an den Kampf um die Meisterschale oder die Champions League-Qualifikationsplätze denke, komme ich aus dem Gähnen nicht mehr raus. Wer wird Deutscher Meister? Nur der FCB! Jahr für Jahr. Inzwischen fünf mal in Folge. Ein sechstes Mal halte nicht nur ich für sehr wahrscheinlich. Oder wer schafft es in die internationalen Wettbewerbe? In der Regel auch immer dieselben, wobei es dort schon ab und an mal zu Überraschungen kommen kann.

War das denn schon immer so? Nein!

Klar, die Bayern sind als Rekordmeister und mit ihren finanziellen Möglichkeiten schon seit Jahrzehnten immer der Topfavorit, aber sie sind nie a) so früh, b) so überlegen und c) so häufig am Stück Deutscher Meister geworden, wie in den letzten Spielzeiten.

Auf die Bayern wetten: Ein sicheres Ding. (Quelle: bwin.de)

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Von acht Meisterschaften in diesem Jahrzehnt ist der FC Bayern sechs mal Deutscher Meister geworden. Die anderen beiden gingen an Borussia Dortmund. Wir hatten also lediglich zwei Teams in Deutschland, die sich in dieser Dekade Deutschlands Fußballkrone aufsetzen konnten. Höchstwahrscheinlich werden es auch nicht mehr. Dafür sind die finanziellen Möglichkeiten in der Bundesliga zu unterschiedlich.

Zum Vergleich: In den 00ern als auch in den 90ern gab es jeweils fünf Clubs, die sich Deutscher Meister nennen durften.

Same shit, different place: Champions League

Ist die Champions League noch wirklich spannend? Hand aufs Herz: Frühestens ab dem Achtelfinale, meistens aber erst richtig ab dem Viertelfinale.

Die Gruppenphase ist doch total lame. Auch hier weiß man eh wer weiterkommt. Da spielen Vereine wie der FC Barcelona, Real Madrid oder Bayern München gegen BATE Borisov, Legia Warschau oder Dinamo Zagreb. Da bete ich nicht für einen Sieg, sondern nur, dass die Jungs unverletzt aus so einer Partie rauskommen. Das sind Testspiele unter Wettbewerbsbedingungen. Wann gab es hier das letzte mal eine richtig dicke Überraschung?

Apropos: Überraschung! Selbst auf dem Spielplan bleiben die aus. Wie häufig habe ich in den letzten Jahren Bayern gegen Arsenal gesehen? So oft, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass die Gunners Teil der Bundesliga sind. Da hat sich irgendein Fatzke von der UEFA ein Los-System ausgedacht, das zu mehr Spannung führen soll, hat aber damit gewaltig tief ins Klo gegriffen. Quasi jedes Jahr die gleichen Partien, die jedes mal auch gleich enden. Das macht doch keinen Spaß, Freunde.

Auch der Kreis der Halbfinalisten scheint ein sehr sehr elitärer zu sein. Da kommt man offensichtlich nicht so leicht rein. Das ist ein Pott aus den immer selben Teams: Real, Bayern, Barca, Atletico, Juventus und gelegentlich ein Überraschungsteam. Spannung? Fehlanzeige.

Wird sich das ändern? Höchstens nur durch reiche Scheichs, die zwar Geld in die Vereine pumpen, aber sonst i.d.R. keinen Plan vom Fußball haben. Ob sich der Fußball damit einen Gefallen tut? Ich weiß es nicht. Man denke da nur an Ismaik und 1860 München.

2. Identifikation? Schwierig.

Basti Schweinsteiger, Philipp Lahm, Thomas Müller, Arjen Robben, … alles große Namen, die beinahe nie einen großen Titel gewonnen hätten.

Wie häufig war Deutschland der Topfavorit, um dann (teils dämlich) zu scheitern? Wie häufig stand der FCB im Champions League-Finale, nur um den Kürzeren zu ziehen? Allein wenn ich an das Finale Dahoam zurückdenke, kriege ich Magenschmerzen. Und auch die zwei Jahre Dauerdemütigung durch den BVB haben ihre Spuren hinterlassen. Wie gesagt, fast wäre das eine „goldene Generation“ ohne nennenswerte Titel geworden.

Doch dann, 2013, hieß es: »FC Bayern München: Triple-Sieger!« Und ein Jahr später: »Deutschland ist Weltmeister!« Robben, verhöhnt vom BVB, ausgepfiffen von den eigenen Fans, der Buhmann der Saison 2012, erzielt das Tor zum Champions League-Sieg gegen den Dauerrivalen – eine Geschichte, die du verfilmen kannst. Oder Schweini, wie er mit zerbeulter Fresse den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rio hält. Großartig!

Das, meine Fußballfreunde, sind Bilder, die ein echter Fußballfan niemals vergisst. Und das sind „Helden“, die wir niemals vergessen werden. Richtige Kerle, die mit uns Fans einen langen und steinigen Weg gegangen sind. Der eine ne zickige Diva, der nächste ein Spaßvogel und der andere der ruhige Leader. Jeder hatte seine eigene Art. Für jeden war etwas dabei – zum Lieben und zum Hassen. Zu solchen Typen kannst und willst du eine Bindung aufbauen.

Ganz im Gegensatz zu so Costas, Thiagos, Dembeles oder Aubameyangs, die ohne ihren Dolmetscher kein Interview führen können. So Cool-Funk-Ghetto-Posterboys mit seltsamen Frisuren und goldenen Autos, die ständig davon brabbeln, den Abgang zu machen. »Ich hatte schon immer den Traum für Barca zu spielen.« Jung‘, bleib doch mal ehrlich! Du hattest vielleicht schon immer den Traum dick Asche zu machen und einen PEZ-Spender mit deiner Visage in den Händen zu halten. Aber nicht mehr.

Kann ich, als geistig gesunder und erwachsener Mensch, zu solchen Spielern eine Bindung aufbauen? Will ich mich mit diesen Pappnasen identifizieren?

3. Die Vermarktung des Fußballs

Mehr, mehr und nochmals mehr. Mehr hiervon, mehr davon, mehr von allem! Klar, seien wir realistisch, es wird nicht in erster Linie aus Liebe zum Fußball gespielt. Da wollen Leute Geld verdienen – und das mit gutem Recht. Blöd nur, dass der Sport hierbei von den Verbänden zur „Cash Cow“ gemacht wird und daraus resultierend das Produkt Fußball bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht wird.

Im Fußball gehts nur noch um Geld? You don’t say?!

Die Folge: Undurchsichtige Spielpläne in der Bundesliga, eine aufgeblähte Champions League, eine Aufstockung der EM von 16 auf 24 Mannschaften, eine Mammut-Weltmeisterschaft mit 48 Teilnehmern und bald vielleicht auch eine National League zusätzlich zur WM/EM-Qualifikation. Hauptsache es wird überall auf der Welt und zu jeder Uhrzeit Fußball geguckt. Die Gelddruckmaschine muss rund um die Uhr weiterlaufen und das um jeden Preis!

Was darunter leidet? Natürlich die Qualität. Langweilige Gruppenphasen, in denen sich „Amateurmannschaften“ in die KO-Runde mauern wollen, Verletzungen sowie Ermüdungserscheinungen bei den Superstars, die nicht mehr ihr Topniveau abrufen können, sind die Folge.

Wollen wir wirklich so einen Fußball sehen?

Apropos: Fußball sehen

Das wird dem deutschen Fußballfan zukünftig nicht mehr so leicht gemacht. Konnte ich mir bislang mit Sky alle Spiele aller Wettbewerbe ansehen, ändert sich das ab dieser Saison, denn Eurosport hat die Teilrechte an der Bundesliga erworben; was zur Folge hat, dass ich jetzt zwei Unternehmen mein Geld in den Rachen werfen muss – in Zahlen: 29,99€ pro Jahr mehr, um alle Partien zu sehen. Zum Dank bekomme ich von Eurosport einen ruckelnden Streaming-Dienst namens Eurosport Player. Danke hierfür, liebe DFL.

Aber auch Champions League gucken wird ab nächster Saison zur Wissenschaft, denn DAZN hat sich Teilrechte am Wettbewerb gesichert – nochmals 9,99€ monatlich mehr. Hier wird es ganz pervers, denn Konferenzen laufen auf dem einen Sender, Einzelspiele beim anderen, was wiederum abhängig ist, ob es sich um ein Hin- oder Rückspiel handelt, blablabla… Da blickt keiner mehr durch. Da gehst du nicht nur pleite, sondern wirst auch mulo dabei.

Fazit: Was kann die Beziehung zwischen dem Fußball und mir noch retten?

Als Sportsmann kann und will ich auch nicht Real Madrid oder Bayern München die Schuld daran geben, dass der Fußball langweilig geworden ist. Unter den Rahmenbedingungen, die es gibt, machen sie ihren Job halt besser als die anderen. Dafür sollte man sie nicht kritisieren, sondern feiern – und das tue ich. Aber erinnern wir uns doch an die Zeit zurück, als Michael Schumacher mit seiner Dominanz die Formel 1 unattraktiv gemacht hat. Da wurde am Regelwerk geschraubt, ohne jemanden explizit zu benachteiligen. Genau das wünsche ich mir für den Fußball. Neue Rahmenbedingungen, sodass die Karten zum Teil wieder neu gemischt werden. Denn auf lange Sicht wünscht sich doch ein jeder Fußballfan einen spannenden Wettbewerb.

Aber auch das Kreieren neuer und das Aufblähen bestehender Wettbewerbe muss ein Ende haben. Jeden Tag Fußball. Das ist ja so, als würde man täglich zu McDonald’s gehen. Das kann man doch mit der Zeit gar nicht mehr genießen. Vor allem, weil gar nicht genügend Qualität vorhanden ist. Ich bleibe dabei: Weniger ist mehr. Lieber am Wochenende ein paar Cocktails mit Schirmchen als jeden Tag Admiral Pils von der Tanke.

Es gibt viele Veränderungen, die dem Fußball guttun würden. Doch das passt nicht in ein kurzes Fazit. Dazu könnte ich noch hunderte weitere Beiträge schreiben. Was ich allerdings weiß ist, dass sich etwas ändern muss. Denn so wie es momentan läuft, sehe ich die große Fußballblase früher oder später platzen. Ich denke, das will keiner. Und deshalb muss der Fußball grundlegend reformiert und anders vermarktet werden.

 

Bildquellen: fußball-herbst-herbstmeister-sonne-1857130 (Pixabay)dollar-währung-geld-us-dollar-2584746 (Pixabay)

Aus Gründen hier. Dein Gefährte durch Raum und Zeit. Der Büriff.

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