So sind wir nicht!

Macht YouTuber bitte nicht zum Sprachrohr unserer Generation!

Was haben die Politik und die katholische Kirche gemeinsam? Richtig. Immer wenns darum geht, junge Menschen für sich zu begeistern, wird es extrem peinlich. Ich weiß noch, als ich als Jugendlicher mal mit meinen Eltern zu einem Wallfahrtsort musste. Ich hatte ja schon von vornherein kein Bock drauf. Doch Gott sei Dank mussten wir nicht lange bleiben, denn es war „Jugendtag“ angesagt, was meine Eltern weitaus mehr verschreckt hat als mich. Also ging es relativ flott nach Hause.

Was habe ich da nicht alles gesehen? Eine Bühne mit einer Christenrock-Band, die den Wallfahrtsort „rocken“ wollte. Oder ein paar Meter weiter einen Priester in hippen Klamotten, welcher uns zurief, dass Jesus unser „buddy“ sei, der uns versteht. Schließlich hatte er es ja auch nicht immer leicht mit seinem Dad. Es wurde getanzt, gesungen und geklatscht. Es war schrecklich. Da willst du dich doch vor lauter Fremdschämen auf einen anderen Planeten schießen. So in etwa, liebe Freunde, stelle ich mir u.a. die Hölle vor.

Er kann rappen, sprechen und die Schallmauer brechen.

Was ich damit sagen will: Manchmal sollte man das Schwein ein Schwein sein lassen. Hässlich anzusehen, aber gut so, wie es ist. Manche Dinge brauchen kein Update. Manche Dinge müssen nicht auf Teufel komm raus cool sein. Ich will keinen Buddy Jesus, auch nicht einen Rapper namens YouDas und – wie ich dieser Tage auch häufig feststelle – erst recht keine Politiker bzw. Parteien, welche »die junge Generation dort abholen, wo sie Zuhause ist« – dem Internet.

Klischee olé!

Glaubt man der allgemeinen Wahrnehmung, tickt der Jungwähler 2017 in etwa so:

Etienne Dustin Maurice (22), Student: Für mich gibt es nur ein Thema und das lautet „Digitalisierung“. Hauptsache das Internet wird endlich mal ein gutes Stück flotter und ich habe überall LTE. Ich will zocken mit einer Ping von 0, ich brauche mehr Datenvolumen für meine Snaps und daheim benötige ich eine gute Leitung für meinen YouTube Channel. Denn im Internet, da bin ich Zuhause.

Was zum Henker?! Denkt ihr wirklich, dass die „Digital Natives“ – oder wie auch immer ihr sie nennen wollt – tatsächlich so drauf sind? Ich hoffe nicht. Aber mir erscheint es fast so. Digitalisierung, die Legalisierung von Gras, ein wenig Tier- und Umweltschutz, dazu noch das Thema Frauenrechte? Mehr soll in unsere Köpfe nicht reinpassen? Haltet ihr uns etwa für debil? Habt ihr denn keine Kinder? Seid ihr so isoliert von der normalen Welt, dass ihr Berater fragen müsst, wie so ein Mensch unter 30 tickt? Für mich klingt das nämlich ganz stark nach hohlen Stereotypen, die irgend so ein Beraterwicht aus dem Netz gesaugt hat. Wie gesagt: Klischee olé!

Role Models, die die Welt nicht braucht

Solche Klischees werden u.a. ganz stark durch die Gäste diverser Talkshows befeuert. Das sind nämlich, wenn es um junge Menschen geht, nicht selten YouTuber. Denn jede Sendung braucht nun so einen, um die junge Zielgruppe zu erreichen – nur stilecht mit Nerd-Shirt und Idioten-Cappy. Wir wollen ja nicht vergessen: »Bei YouTube! Da sind ja die jungen Menschen von heute unterwegs!«

Wohl wahr. Die Nutzung des linearen Fernsehens spielt bei vielen Digital Natives durchaus eine immer untergeordnetere Rolle, denn Streaming-Dienste werden in dieser Zielgruppe immer beliebter. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass man einen Menschen unter 30 ausschließlich nur auf diesem Weg erreichen kann. Ich denke, ich nehme mir da nicht zu viel raus, wenn ich behaupte, dass wir im Internet das ein oder andere auch mal nachlesen, gelegentlich sogar den Fernseher einschalten und auch – ich weiß, es mag verrückt klingen – sogar ab und an mal ein Printerzeugnis in den Händen halten. Ich möchte nur ganz kurz daran erinnern. Auch wenn manch einer mit seinem seltsam aufgesetzten Cappy so aussehen mag: WIR SIND NICHT PER SE BEHINDERT!

Könnte man häufig meinen, aber ne.

Zurück zu den YouTubern. Ich finde es ja ganz lieb, dass man den Digital Natives etwas Gehör verschaffen möchte – vor allem jetzt im Wahlkampf. Denkt ihr aber wirklich, dass einzig und allein YouTuber dazu in der Lage sind? LeFloid zum Beispiel, den musste ich demletzt beim Lanz ertragen. Der fragt tatsächlich, warum er und seine Kollegen ständig so hart kritisiert werden? Weiß nicht. Vielleicht liegt es an seiner singenden Art zu sprechen, die danach klingt, als ob er als Kind in einen Topf voll Koks gefallen wäre. Eventuell auch an diesen Mongo-Cappies, die ihn wie einen grenzdebilen Schwachmaten aussehen lassen. So laufen nach dem Abi allerhöchstens sonderbare Hipster herum. Möglicherweise liegt es aber auch an seinem GKT (=Ganzkörper-Tourette), denn der Kerl verbrennt bei einem gewöhnlichen Satz mehr Kalorien als manch Anderer beim Joggen. Wer weiß?

Aber auch Lisa Sophie aka. ItsColeslaw ist ja neuerdings omnipräsent. Da macht sie mal bei diesem semiprofessionellen YouTube-Format #DeineWahl mit, schwups fungiert sie beim Lanz oder bei „Hart aber fair“ für mich und meine Generation als Sprachrohr. Diese Lisa Sophie, die sonst auf ihrem YouTube-Channel davon erzählt, was für Probleme Jungs und Mädchen auf der Schultoilette haben. Glückwunsch! Endlich spricht mal jemand meine Probleme an!

Vielleicht erklärt das aber auch ganz gut, warum ich ein Problem damit habe, wenn YouTuber in eigentlich seriöse Talkshows eingeladen werden. Ich will Lisa Sophie hiermit auch gar nicht diskreditieren oder behaupten, dass sie ihren Job schlecht macht. Ehrlich gesagt, kann und will ich das auch gar nicht beurteilen. Doch beim Lanz oder beim Plasberg ist sie meiner Meinung nach fehl am Platz, denn ihre Zielgruppe sind zumeist nicht Jungwähler, sondern primär Kinder bzw. Schüler. Die sind bekanntermaßen nicht wahlberechtigt. Wenn wir von jungen Wählern sprechen, dann reden wir i.d.R. von Menschen zwischen 18-35. Die werden sich wohl kaum ItsColeslaw bei YouTube angucken. Denen ist es, sofern sie nicht Hausmeister oder pädophil sind, scheißegal, was auf einer Schultoilette passiert.

Deshalb ärgert es mich, wenn sie live im TV behauptet, der Schulz käme bei uns jungen Menschen nicht an. Für Kinder kann ich diesbezüglich natürlich nicht sprechen (das kann sie besser als ich), bei den jungen Wählern stimmt das allerdings nicht, wie die folgende Grafik beweist, die bereits mittags vor „Hart aber fair“ veröffentlicht wurde.

Also liebe Medien, macht nicht den Fehler, dass ihr Kinder mit jungen Wählern verwechselt. Wenn ihr schon jemanden für die Digital Natives einladen wollt, dann nehmt doch einen jungen Gründer oder Nachwuchspolitiker. Meinetwegen auch gerne einen YouTuber. Hauptsache, er repräsentiert tatsächlich die Bedürfnisse der 18-35jährigen. Der bringt auch vielleicht ein wenig mehr Format mit, welches auch ich nicht mit 20 hatte.

Wir sind mehr als das!

Nun habe ich ausführlich erklärt, was wir nicht sind. Doch was sind wir? Die Antwort: Wir sind nicht so sonderlich anders als der gewöhnliche Wähler!

Der Jungwähler interessiert sich genau für die gleichen Themen wie beispielsweise der Rentner. Auch uns ist Bildung wichtig. Auch wir wollen eine sichere Rente. Doch natürlich messen wir diversen Themen eine andere Bedeutung bei, als es z.B. ein Rentner tut. Dem kann es eigentlich egal sein, ob es Tarifverträge gibt oder nicht. Der wird ja nie wieder arbeiten gehen. Der hat Angst vor Altersarmut. Die habe ich auch. Doch bis dahin habe ich noch einen Weg von 40 Jahren vor mir. Selbstverständlich achte ich also bei der Wahl eher auf Themen, die meine (nähere) Zukunft betreffen und diese sichern. Was allerdings nicht bedeutet, dass mir die anderen Punkte dadurch egal sind.

Und genau diesen Fehler machen momentan die Medien und die Politiker, wenn sie über junge Wähler sprechen. Die gehen davon aus, dass uns nur eine Bandbreite von drei, vier Themen interessiert. Doch das entspricht nicht der Wahrheit.

Also brauchen wir Sprachrohre, die auch genau das kommunizieren. Das hat keiner dieser YouTuber bislang nur im Ansatz wirklich rübergebracht. Was mir auch fehlt: Vielleicht sollte auch jemand mal erwähnen, dass wir den Breitbandausbau nicht fordern, weil wir eine geilere Ping beim Zocken haben wollen oder auch aus dem Wald Snaps hochladen wollen. Es geht uns nämlich dabei um Zukunftssicherheit. Denn wenn Deutschland im digitalen Mittelalter bleibt, ist die nicht zu gewährleisten.

Solange uns jedoch die falschen Gesichter repräsentieren, nämlich YouTuber deren Zielgruppe eigentlich Kinder sind, zweifle ich sehr stark daran, dass sich am Bild des Jungwählers etwas ändern wird. Doch ich betone: So, wie wir dargestellt werden, sind wir nicht!

 

Bildquellen: nein-negativ-finger-hand-halten-1532826 (Pixabay)

Aus Gründen hier. Dein Gefährte durch Raum und Zeit. Der Büriff.

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