Von jetzt an Satiriker

Denn Satire darf alles und das will ich auch!

Als ich das Blog gelaunched habe, habe ich mir über so einiges Gedanken gemacht. Welche Themen möchte ich ansprechen? Passt das Layout? Brauche ich eine eigene Facebook-Seite? Man kann so viele Pläne schmieden wie man will, doch Fehler bleiben nicht aus. Meinen größten habe ich direkt zum Anfang gemacht – einen ganz dilettantischen sogar – und der lautet: Juri Kristiansen ist ein Blogger.

Das war dumm! Den Fehler mache ich nie wieder. Nicht nur, dass bloggen total 2008 ist, da sowieso alle nur noch YouTube-Clips oder Snaps sehen wollen. Blogger müssen zudem auch immens vorsichtig sein, was sie von sich geben. Was habe ich nicht schon alles gehört?

  • Bei meiner Wortwahl, sollte man mir den Mund mit Seife auswaschen.
  • Man könnte nicht so pietätlos über so heikle Themen schreiben.
  • »Meinst du wirklich, jeder versteht deine ironische Art?« (Antwort: Nein!)
  • »Aber hast du dies und das nicht vergessen? Denk doch mal an…« (Stichwort: #whataboutism)

Da kann ich auch noch hundert mal darauf hinweisen, dass dieses Blog nur meine eigene Meinung widerspiegelt und keinen Anspruch auf Perfektion hat, trotzdem wird es immer so einen ungevögelten Internet-Sonderling geben, der etwas zu maulen hat. Es ist zum Mäusemelken.

Ich kann mir schon vorstellen, wie dem ein oder anderen Internet-Sonderling einer abgeht, wenn er wieder was Neues zum Nörgeln gefunden hat.

Aber es ist nicht eure Schuld, sondern meine. Wozu gibt es Altersfreigaben? Weswegen werden Schockbilder auf Zigarettenschachteln gedruckt? Richtig! Alles benötigt ein passendes Label. Eines, das uns direkt sagt, womit wir es zu tun haben und wie wir darauf zu reagieren haben. Mit Bloggern, diesen gesichtslosen Internetfreaks, die den Journalismus kaputt machen, müssen wir eh nicht vernünftig reden. »Diese Spongos schreiben doch eh nur, was sie wollen. Die haben keine Ahnung! Wenn ich so einen sehe, box‘ ich ihm aufs Gehirn!«

Genau wegen dieses Denkens will ich kein Blogger mehr sein. Warum sollte ich mir das überhaupt antun? Deshalb verkünde ich: Juri Kristiansen, der Blogger, ist tot. Den gibt es nicht mehr. Denn von nun an bin ich etwas viel Besseres. Etwas, was man nicht mehr angreifen kann. Ich bin jetzt…

Juri Kristiansen, der Satiriker!

Boom! Auf zum Mond. Erstmal in einen schlechten Anzug gehüpft, kann ich jetzt endlich beleidigen, wen immer ich will, Randgruppenwitze machen, ohne als Nazi oder sonst etwas abgestempelt zu werden, ab und mal eine Falschmeldungen (Neudeutsch: Fake News) raushauen und kann auch, Gott sei Dank, auf meine Ausdrucksweise pfeifen, denn „Satire darf alles“.

Das wollte ich schon immer. Das ist toll! Das ist viel besser als bloggen.

Und jetzt sagt nicht, dass ich übertreibe!

Hätte ich das Schmähgedicht zu „Ehren“ Erdogans verfasst, würde a) sieben mal die Woche meine Bude brennen und b) wäre ich vorbestraft, weil mich der Deckmantel der „Satirefreiheit“ nicht schützt. Denn, wie wir wissen, endete die Sache ja vor Gericht und ich zweifle daran, dass ich das gleiche Urteil bekommen hätte wie Jan Böhmermann. Wir dürfen nicht vergessen: Ich bin nur so ein Internetfreak mit einem Blog und kein Satiriker vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Oder ein anderes Beispiel: Hätte ich wie der Satiriker Leo Fischer vom Twitter-Account des Zeit Magazins den Tod Mehmet Scholls verkündet oder vermeldet, dass die USA Nordkorea mit Atomwaffen angegriffen haben, hätten mich doch alle gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Da hätte keiner gesagt »Der darf das! Das ist sein Job. Satire darf alles! #FreeJuri«. Ihr hättet mich richtig hart geshitstormed – und das zurecht.

Definition: Satire

»Die Satire ist eine Kunstgattung, die durch Spott, Ironie und Übertreibung bestimmte Personen, Anschauungen, Ereignisse oder Zustände kritisieren oder verächtlich machen will.«

Und da wir jetzt alle etwas schlauer sind, können wir uns nun mal fragen, wo denn der versteckte Spott, die Ironie oder Übertreibung sein mag, wenn man zwecks Satire von einem seriösen (Nachrichten-)Account twittert, dass der Dritte Weltkrieg ausgebrochen ist? Ich weiß nicht, wie es euch dabei ergeht, doch ich finde das nicht mal im Ansatz lustig, zumal auch sau gefährlich. Ich erinnere nur zu gerne daran, wie Pakistan letztes Jahr Israel wegen einer Fake News mit einem Atomschlag gedroht hat. Stimmt, ich habe vergessen, wie wir alle herzlich gelacht haben. Wäre auch voll lustig, wenn es dazu gekommen wäre. Haha… Die ganzen Toten.
Oder was wäre denn am Tod Mehmet Scholls so komisch? Kann mir jemand den Witz erklären? Vielleicht bin ich ja nur zu doof, um den zu verstehen. Ist die Übertreibung von gefeuert = tot? Hahaha… Urkomisch. Der Witz der Woche. Das sehen die Familie und Freunde von Scholl bestimmt genauso. Die googlen sowieso erstmal, ob die News stimmt, bevor sie weinen und in Panik ausbrechen. Gerade bei der Zeit. Die sind ja eh nur ein Postillon für Akademiker. Das weiß ja jedes Kind.

Satire ist eine Kunst, liebe Leute.

Und nicht jeder Honk – egal, für welches Magazin er auch arbeiten mag – kann diese Kunst scheinbar richtig ausüben. Deshalb heißt es ja auch Kunst. Wenn wir weiterhin auf diesem Niveau Satire betreiben, ist nämlich bald alles streng genommen Satire.
Dann sollte Frau Thomalla beim nächsten (geschmacklosen) Witz über Flüchtlinge nicht behaupten, es handle sich dabei um ein Experiment, sondern um Satire. Dann ist sie fein raus. Scheiße verzapft, aber nochmal mit einem blauen Auge davongekommen. Vielleicht gibt es dann ja auch genügend Deppen, die sich für sie einsetzen und den Shitstorm mit ihrem plakativen „Satire darf alles!“-Gerede aufhalten. Möglicherweise bekommt sie sogar dafür den Grimme Preis verliehen?

Ein Profi hätte diesen Fehltritt als Satire deklariert…

Doch Frau Thomalla bringt sich selbst um den Grimme Preis und erntet den Shitstorm.

Kleiner Funfact am Rande: Ironischerweise ist diese Sparlampe mit ihrem Witzchen über Flüchtlinge sogar näher an Satire dran als der Satiriker Leo Fischer mit seinen Tweets – und der macht das sogar hauptberuflich. Glückwunsch, Herr Fischer! Wären sie doch mal besser Bäcker geworden.

Satire darf alles, …

der Satiriker aber nicht. Denn nicht alles, was ein Satiriker macht, ist auch Satire. Manchmal ist es eben auch nur ein Haufen Scheiße oder auch nur ein opportunistischer Versuch im Rampenlicht zu stehen – wie Leo Fischer oder Jan Böhmermann eindrucksvoll bewiesen haben.
Aber was juckt mich das? Ich bin ja jetzt einer von ihnen: Juri Kristiansen, der Satiriker. Ergo: Egal wer mich attackiert, ob zurecht oder unrecht, hat Demokratie und Meinungsfreiheit nicht verstanden. Punkt. Die Regel habt ihr gemacht, nicht ich.
Bildquellen: krawatte-anpassen-anpassung-mann-690084 (Pixabay)kinder-gewinnen-erfolg-videospiel-593313 (Pixabay)

Aus Gründen hier. Dein Gefährte durch Raum und Zeit. Der Büriff.

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