Das wohl einzig objektive Zeugnis

Niko Kovac wird den meisten Bayern-Fans nicht sonderlich gut in Erinnerungen bleiben. Doch zurecht? Ein paar Zahlen und Fakten zum Ex-Coach.

Ich war Niko Kovac nicht per se abgeneigt. Lange Zeit habe ich ihn verteidigt, da ich der Meinung bin, dass ein Jeder das Recht auf eine faire Chance verdient, selbst wenn man (un)berechtigte Vorbehalte gegen die betreffende Person hat. Doch leider hat sich relativ zügig herauskristallisiert, dass die Ehe Kovac/FCB zum Scheitern verurteilt ist.

Man hat zwar in der Rückrunde der vergangenen Saison die (sensationelle) Trendwende geschafft, nichtsdestotrotz war es abzusehen, dass es sich dabei lediglich um einen Frieden auf Zeit handeln würde. Die Resultate bzw. Erfolge konnten einfach nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklung der Mannschaft in die falsche Richtung verlief.

Warum ich der Meinung bin, dass Niko Kovac nicht der Richtige für den FCB war, lest ihr an dieser Stelle etwas ausführlicher.

Daher begrüße ich die Entscheidung, dass man zukünftig getrennte Wege gehen möchte. Der 48-jährige Kroate war schlicht und ergreifend nicht der richtige Mann für den deutschen Rekordmeister, obschon ich ihn – und das möchte ich an dieser Stelle nochmals betonen – definitiv für keinen schlechten Coach halte.

Der FC Bayern ist nun mal ein ziemlich spezieller Klub. Nur eine Handvoll Trainer, welche über ein gewisses Portfolio an Fähigkeiten verfügen, hat überhaupt eine reelle Chance, in diesem Haifischbecken langfristig bestehen zu können. Beispiele dafür gibt es zu genüge: Ancelotti, Rehhagel, Magath… Allesamt sind sie in München gescheitert. Der eine mehrfacher Champions League Sieger, der andere führte Griechenland an die Spitze Europas und der dritte im Bunde hat das Kunststück vollbracht, mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister zu werden.

Welcome to Munich!

Dementsprechend tue ich mich mit den Reaktionen diverser Fans oder (selbsternannter) Fachmänner schwer. Es wird nun so getan, als ob Kovac die größte Geißel der Vereinsgeschichte gewesen wäre, sämtliche Qualitäten oder Erfolge werden ihm abgesprochen. Das ist zum einen kein guter Stil und zum anderen (ohne seine Leistungen an dieser Stelle schönreden zu wollen) nicht so zutreffend, wie das einige gerne hätten.

Ich habe mir nämlich mal die Mühe gemacht, die Statistiken der letzten zehn Jahre zu durchforsten, weswegen ich infolgedessen guten Gewissens behaupten kann, dass Kovac zwar vieles, aber bei weitem nicht alles falsch gemacht hat.

Double-Sieg: Ein Trostpflaster?

Ein Double-Sieg wirkt aus der Sicht eines Bayern-Fans so selbstverständlich, dass er kaum noch honoriert wird. Eine Arroganz, die unterm Strich gar nicht mal so wirklich angebracht ist. Immerhin hat man dieses selbstgesetzte Ziel in den letzten zehn Jahren sage und schreibe fünf mal verfehlt.

Carlo Ancelotti blieb das Double verwehrt. Jupp Heynckes blieb 2011/12 sogar titellos. Ein Schicksal, welches Louis van Gaal 2010/11 ebenso ereilt hätte, wenn er nicht vorzeitig gegangen worden wäre. Und selbst Pep Guardiola beendete die Saison 2014/15 mit lediglich einem einzigen Pokal im Trophäenschrank.

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Wir lernen: Den Gewinn des Doubles kleinzureden, ist unangebracht, wenn nicht sogar vermessen. Ancelotti ist dies, obschon seiner unbestrittenen Qualitäten, gar nicht erst gelungen und auch die anderen hochgelobten Star-Trainer haben nicht immer das geschafft, was Niko Kovac, trotz erdenklich ungünstiger Umstände, auf Anhieb gelungen ist. Das ist Fakt.

Ebenso wie die Tatsache, dass er der erste Trainer seit Klinsmann war, der nicht das Privileg hatte, von der (wahrscheinlich) besten Flügelzange der Welt (Robbery) profitieren zu dürfen. Ich hege erhebliche Zweifel daran, dass seine Vorgänger mit Coman/Gnabry genauso erfolgreich gewesen wären, wie sie es mit Rib & Rob waren.

Und Vorsicht: Wer mir jetzt den Wert dieser beiden Ausnahmekönner madig reden möchte, kriegt von mir einen Extra-Beitrag mit sämtlichen entscheidenen Champions League Treffern von Ribéry und Robben um die Ohren gehauen. Soviel ist schon mal sicher.

Apropos Champions League…

International hat er es aber verkackt!?

Das Achtelfinale der Champions League kann nicht der Anspruch sein. Daran ist nichts schönzureden. Das weiß jeder. In München träumt man Jahr für Jahr vom Gewinn der Königsklasse, das Viertelfinale gilt jedoch als das Minimalziel. Ein Anspruchsdenken, welches aus Sicht der Roten absolut gerechtfertigt ist. Immerhin wurde in der letzten Dekade dieses Ziel bloss zwei mal verfehlt – 2017/18 unter Niko Kovac, 2010/11 unter Louis van Gaal.

Quelle: transfermarkt.de

Was zur Ehrenrettung der beiden beitragen könnte, ist der Fakt, dass der eine gegen den späteren Gewinner und der andere gegen den Vorjahressieger ausschied. Davon kann man sich natürlich nichts kaufen, dennoch halte ich diese Tatsache schon für erwähnenswert.

Insbesondere, da sich Kovac in Bezug auf seine internationalen Auftritte eigentlich sonst nur wenig vorzuwerfen hat. Seine Champions League Statistik ist nämlich beachtlich. Man bedenke: Er hat im Grunde genommen nur einziges Match verloren (11 Spiele: 7 Siege, 3 Unentschieden, 1 Niederlage = ∅ 2,18 Punkte/Spiel). Das ist, by the way, die zweitbeste Punktausbeute in den letzten zehn Jahren. Einzig Jupp Heynckes war erfolgreicher.

Überraschung!!!

Ebenso erwähnenswert: Kovac hat ausschließlich gegen Top-Teams Punkte gelassen – gegen den späteren Halbfinalisten aus Amsterdam (2 Remis) und dem späteren Champions League Sieger, dem FC Liverpool (1 Remis, 1 Niederlage). Einfache Gegner hatte er also nur kaum, kritisiert wurde er jedoch wie kein anderer.

Ich will mir gar nicht ausmalen, was im Netz abgegangen wäre, wenn er gegen Fußballzwerge wie Bordeaux, Rostov, Borisov oder Basel verloren hätte. Twitter wäre wahrscheinlich explodiert. Alle wären außer Rand und Band.

Ach ja, das sind u.a. allesamt Teams, gegen die man in den letzten zehn Jahren den Kürzeren gezogen hat. Nur falls mir jemand mit dem Argument kommen möchte, dass die anderen Trainer ausschließlich gegen Größen wie Real oder Barca verloren hätten.

Und national?

Auch national ist Niko Kovac bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. Seine Punkteausbeute kann sich durchaus sehen lassen.

Kein Pep, kein Jupp, aber alles Andere als katastrophal.

Der Kovacball im Detail

Butter bei die Fische: Der Kovacball war hässlich, grässlich und nicht schön anzusehen. Das kann ich zwar nicht anhand von Zahlen belegen, doch ein Jeder, der über ein gesundes Paar Augen verfügt, wird mir diesbezüglich wohl zustimmen.

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Aber nicht nur das unansehnliche Gebolze unter Kovac wurde an den Pranger gestellt, ferner wurde ebenso kritisiert, dass man unter dem Kroaten vorne viel zu harmlos und hinten wiederum zu sorglos war. Mal schauen, was an der Behauptung dran ist.

Kovacball: Vorne hui, hinten pfui?

Auch hier wird deutlich, dass gefühlte Wahrheiten nicht immer den Tatsachen entsprechen. Zwar stimmt es, dass sowohl Pep als auch Heynckes deutlich ungefährdetere Siege einfuhren, doch verglichen mit Ancelotti oder van Gaal hat sich Kovac am Ende des Tages nur relativ wenig vorzuwerfen.

Alles in allem ist es an dieser Stelle eine Frage des Ermessens, was man unter einer gescheiten Offensiv- bzw. Defensivleistung versteht. Ein Gegentor pro Partie empfinde ich z.B. nicht als sonderlich bedenklich. Sicher, mit Pep oder Heynckes verglichen ist das der absoluter Rotz, allerdings sollte man sich hüten, alles und jeden an diesen beiden Ausnahmekönnern zu messen. Damit wird man nicht glücklich.

Fazit: Nicht so mies, wie behauptet wird!

Niko Kovac und der FC Bayern: Das hat einfach zu keinem Zeitpunkt wirklich gepasst. Das behaupte ich schon des Längeren und dabei bleibe ich auch – ganz gleich, was die Zahlen auch sagen mögen.

Gründe dafür gibt es so einige, jedoch sehe ich an dieser Stelle davon ab, sie alle ein weiteres Mal gebetsmühlenartig runterzurattern. Ich denke, wer vor allem die alarmierende Entwicklung der letzten Wochen verfolgt hat, sollte sich relativ schnell darüber im Klaren sein, warum die längst überfällige Trennung nicht mehr zu verhindern war.

Nichtsdestotrotz mag ich es nicht, wenn Kacke geredet wird. Niko Kovac ist nämlich keineswegs der Loser, zu dem er gemacht wird. Er ist auch nicht der schlechteste Trainer seit Ewigkeiten. Völliger Humbug und polemischer Mist, den man einem Couchtrainer, wenn man es besonders gut mit ihm meint, als gefühlte Wahrheit durchgehen lassen kann. Zahlen lügen einfach nicht und sie sprechen, was Kovac angeht, eine eindeutige Sprache.

Und ja, die Zahlen beweisen auch, dass der 48-jährige Kroate alles Andere als ein zweiter Jupp Heynckes oder Pep Guardiola ist. Hat, soweit ich weiß, aber auch niemand behauptet. Wenn wir jetzt allerdings anfangen, jeden Coach an diesen beiden Ausnahmekönnern zu messen und ihn infolgedessen in der Luft zerreissen, dann wird der FC Bayern München in Zukunft einen höheren Trainerverschleiß haben, als es der Hamburger SV jemals hatte. Soviel ist schonmal garantiert.

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