Nations League: Besser als ihr Ruf

Warum ich wohl der einzige Fan der Nations League bin.

Die Kommerzialisierung des Fußballs schreitet stetig voran, weswegen sich die Herren von der UEFA, FIFA und Co. immer wahnwitzigere Dinge einfallen lassen, um den Sport immer noch ein kleines Stückchen effektiver vermarkten zu können. Unwörter wie Euro EM, Mammut-WM oder Winterweltmeisterschaft machen die Runde, was zur Folge hat, dass bestehende Wettbewerbe reformiert und weitere neue ins Leben gerufen werden. Man soll ja schließlich so viel Fußball wie möglich zu sehen bekommen. Im Bestfall morgens, mittags, abends und das 365 Tage im Jahr. Einfach nur krank!

„Gianni Infantil“ von der FIFA

Die Nations League ist einer dieser neuen Wettbewerbe und – wie sollte es auch anders sein – natürlich trifft diese bei alteingesessenen Fußballromantikern (allein schon aus Prinzip!) auf pure Ablehnung. Doch ist das fair? Sollte man wirklich alles, was die großen Verbände so planen respektive veranstalten, per se kacke finden? Ich denke nicht! Sicherlich handelt es sich bei den meisten Reformen um sogenannte Verschlimmbesserungen, doch die Nations League ist keine davon.

Lest in diesem Beitrag, warum ich das meine und was genau für den neuen Wettbewerb der UEFA spricht.

1. Attraktiver als Testspiele

Länderspielpausen sind wie Besuche beim Zahnarzt: Niemand mag sie, aber von Zeit zu Zeit müssen sie nun mal leider sein. Doch wenn ich schon wider Willen weder Bundesliga noch Champions League gucken kann, dann zeigt doch bitte Begegnungen, die es auch wert sind, gesehen zu werden.

Deutschland gegen Saudi Arabien? Nö, überhaupt keine Lust drauf. Nichts gegen die Saudis, aber wenn ich bereits im Vorfeld schon weiß, wer gewinnen wird, habe ich keinen Spaß am Fußball.

Testspiele sind langweilig!

Glücklicherweise erwarten uns, aufgrund der Einführung der Nations League, seltener derartig unspektakuläre Begegnungen. Dort spielen in etwa gleichstarke Teams unter Wettkampfbedingungen(!) gegeneinander. So hatten wir in dieser Saison Partien gegen die Niederlande sowie den Weltmeister aus Frankreich und auch nächstes Mal werden wir – Abstieg hin, Abstieg her – ansprechendere Gegner als San Marino oder Gibraltar präsentiert bekommen.

Und ja, es stimmt, ab und an wurde auch gegen die großen Fußballnationen getestet. Wie attraktiv so eine Partie dann aber schlussendlich sein mag, wenn beide Teams sechs mal wechseln dürfen und zusätzlich jeder Jungnationalspieler (welcher imstande ist, sich selbst die Schuhe zu binden) eine Chance bekommt, sei mal dahingestellt.

2. Mehr Aussagekraft als Testspiele

Was haben uns die vielen Tests und die WM-Qualifikation gelehrt? Gar nichts!

Wir sind mit breiter Brust, voller Zuversicht zur Weltmeisterschaft nach Russland gefahren. Und ja, da gab es zwar diese zwei Warnschüsse gegen Österreich (0:1) oder Saudi Arabien (2:1), anderseits hatten wir ja schon seit Ewigkeiten kein Pflichtspiel mehr verloren. Testspiele sollte man ohnehin nicht überbewerten. Also war man sich weitestgehend einig: Das würde schon werden! Deutschland ist eine Turniermannschaft!

Nach so einer starken Quali kann doch nichts mehr schief gehen! Oder? (Quelle: kicker.de)

Auch Buchmacher, Supercomputer oder Experten sahen keinen Grund zur Skepsis. Bei so vielen Siegen in Folge stellt man sich halt nicht die Frage, ob Mexiko oder Südkorea für #DieMannschaft unüberwindbare Hindernisse sein könnten. Somit wurde in den Fußballtalks eher darüber debattiert, auf wen die Nationalelf im Finale denn treffen würde.

Das Ende des Liedes kennen wir ja…

Und Tschüss! Nach 3 Spielen war Schluss.

Und auch jetzt gewinnen wir unsere Testspiele! 2:1 wurde Peru niedergerungen, Russland 3:0 aus dem Stadion gefegt. Ist #DieMannschaft jetzt wieder back in game? Auf keinen Fall!

Denn in der Nations League wurden uns erneut unsere Grenzen aufgezeigt: Gruppenletzter, Abstieg und eine 0:3-Abreibung gegen den Rivalen aus den Niederlanden. Spätestens jetzt wird es Zeit, „Ohne Holland fahren wir zur WM“ aus jeder Playlist des Landes zu verbannen.

Quelle: kicker.de

Wie dem aber auch sei, Testspiele bringen uns nicht weiter. Wir lernen nichts aus ihnen. Fußballzwerge in der Qualifikation sind ebenso kein gescheiter Gradmesser. Nur unter Wettkampfbedingungen gegen die ganz Großen erfahren wir, was wir wirklich auf dem Kasten haben.

3. Bessere Quoten

Hochklassige Begegnungen unter Wettkampfbedingungen führen automatisch zu besseren Quoten. Da die Sendeanstalten die Lizenzen nicht gerade zum Nulltarif bekommen, sollte man diesen Punkt nicht außer Acht lassen.

Wer sich jetzt fragt, »Was hat das denn mit mir zu tun?«, soll sich mal im Anschluss überlegen, wie viel Fußball er in Zukunft noch zu sehen bekommt, falls die Quoten nicht stimmen sollten.

4. Mehr Spannung

Nicht nur Testspiele sind relativ öde, auch der bisherige Modus der EM-Qualifikation war nicht sonderlich spannender.

Zur Erinnerung: Neun Gruppen, Platz 1 und 2 waren direkt qualifiziert und die acht besten Gruppendritten durften in den Playoffs um die letzten Tickets kämpfen. Ein Qualifikationsmodus so anspruchsvoll und herausfordernd wie die siebte Klasse auf einer Förderschule. Da kann man eigentlich nicht scheitern – außer mein heißt Holland.

Spannend! Sehr sehr spannend…

Der neue Modus verspricht da schon deutlich mehr Brisanz: Ein schlechtes Abschneiden in der Nations League kann immense Auswirkungen auf den Los-Topf haben, weswegen Deutschland nun unter Umständen eine ungewohnt starke Qualifikationsgruppe fürchten muss. Des Weiteren muss man mindestens Zweiter werden, da die Playoffs zwischen den Nations League-Gruppenersten ausgespielt werden.

5. Kein Sommerloch mehr

Sommer: Die Temperaturen steigen, die Röcke werden kürzer, dennoch verfalle ich so ziemlich alle zwei Jahre in tiefste Depressionen. Sommerpausen, in denen weder eine WM noch eine EM stattfinden: Gibt es für den Fußballfan denn etwas Schlimmeres? Vielleicht Ecki Heuser… Aber das steht auf einem anderen Papier.

Und ja, ich weiß, dass es den Confed Cup (noch!) gibt. Ich weiß aber auch, dass das Hallenmasters der Koblenzer Gymnasien jährlich stattfindet. Gehe ich da etwa hin?!

Ein Sommer ohne WM oder EM.

Dank der Nations League ist dieses Problem allerdings eh vom Tisch. Da kriegen wir nämlich zwischen den beiden großen Turnieren eine Art „Mini EM“ geboten und zwar mit Teams, denen man auch gerne zuguckt.

6. Kaum Mehrbelastung durch Nations League

Die Trainer mahnen zurecht, dass man sich hüten sollte, den Spielern immer mehr und mehr Partien aufs Auge zu drücken. Je mehr Begegnungen die Profis in den Knochen haben, desto müder werden sie auch. Die Folge: Leistungseinbrüche und Verletzungen. Diesbezüglich bin ich absolut auf der Seite der Trainer. Mein Motto: Lieber Qualität statt Quantität!

Kloppo und viele andere Trainer sind keine Freunde von Länderspielpausen.

Ob man die Kritik im Rahmen der Nations League äußern sollte, halte ich hingegen für fraglich. Länderspielpausen sind kein Novum. Die gab es schon immer. Es sind durch die Nations League nicht mehr geworden. Ferner hege ich starke Zweifel, dass die drei Finalspiele (alle zwei Jahre) den Braten wirklich fett werden lassen.

Fazit: Die Nations League ist besser als ihr Ruf

Als echter Fußballfan ist es schick erstmal anti alles zu sein, was neu ist. Alle wollen den echten Fußball zurück. Jeder ist gegen den Kommerz. Und ja, auch ich bin kein Freund von Montagsspielen. Auch ich tue mich mit Scheichs oder Oligarchen schwer, die Unsummen in Vereine stopfen. Doch bei aller gerechtfertigten Kritik wie auch Skepsis, sollte man dennoch nicht blind sein.

Ich sehe durch die Einführung der Nations League keine Nachteile, jedoch einige Vorteile: Attraktive Partien für die Fans, die Teams erfahren mehr über ihre Stärken und Schwächen als bei Testspielen, die Sendeanstalten erzielen bessere Quoten und die UEFA verdient ein wenig mehr Kohle.

Durch die Nations League gibts in meinen Augen nur Sieger, weswegen ich nicht mal im Ansatz verstehen kann, warum sie so einen schlechten Ruf genießt. Aber wie gesagt: Es ist ja schick erstmal anti alles zu sein.

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Aus Gründen hier. Dein Gefährte durch Raum und Zeit. Dein Pferdefreund zum Busenstehlen. Der Büriff.

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