#NazisRaus: Wenn Polemik auf Polemik trifft

Das Internet zeigt sich mal wieder von seiner schlechtesten Seite, allem voran Nicole Diekmann.

Eines vorweg: Sowohl on- wie auch offline sollte niemand mit Anfeindungen und Drohungen leben müssen, ganz gleich, ob es sich dabei um eine Person des öffentlichen Lebens handelt oder nicht. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass niemand das Recht besitzt, Andere zu beleidigen oder zu diffamieren, selbst wenn der allgemeine Konsens lautet, dass der Betroffene es nicht besser verdient hat.

Das gilt für jedermann: Nicht nur für Feministen, Journalisten oder Politiker der Mitte, sondern ebenso für Politiker, die zweifelhafte Ideale vertreten oder Sportler, die unseren Kindern ein schlechtes Vorbild sind.

Das ist Fakt! Darüber werde ich mit niemandem diskutieren.

Die Causa „Nicole Diekmann“

Oft bin ich doch sehr überrascht, wie schlecht Menschen die möglichen Konsequenzen ihres Handelns abschätzen können.

Springe ich beispielsweise aus dem neunten Stock eines Gebäudes, bin ich infolgedessen höchstwahrscheinlich tot. Rufe ich im Camp Nou »Hala Madrid«, sollte ich im Bestfall keinen Fototermin am Folgetag haben. Schreibe ich als Journalist bei Twitter »Nazis raus.«, so ernte ich aller Voraussicht nach einen Shitstorm, der sich gewaschen hat.

Bei allen drei genannten Beispielen muss man kein Nostradamus sein, um die Auswirkungen abschätzen zu können, was Nicole Diekmann, Korrespondentin des ZDF, dennoch nicht davon abgehalten hat, Letzteres zu tun.

Ich betone nochmals: Keineswegs ein Grund, sie aufs Derbste zu beschimpfen oder gar zu bedrohen. Ich weise lediglich darauf hin, dass das darauffolgende Echo abzusehen war, ebenso wie die anschließende Solidaritätswelle in Form von #NazisRaus.

Es ist ja nicht so, als ob wir das Spielchen nicht schon ein paar mal gehabt hätten.

Doch warum?!

Die Frage sollte gestattet sein: Was wollte Frau Diekmann mit diesem Tweet überhaupt bezwecken?

»Nazis raus!« Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mal, was das zu bedeuten hat. Soll man alles rechts von der CSU zum Mond schießen? Gibt es ein Endlager für politisch Extreme? Wenn ja, warum erfährt die breite Öffentlichkeit erst heute davon? Oder plädierte die ZDF-Journalistin mit ihrem Tweet dafür, „Nazis“ in ihre Herkunftsländer abzuschieben, unwissend, dass es sich bei diesen um Bundesbürger handelt? Ich weiß es nicht.

Darf man das Statement als Reaktion auf die Ereignisse von Bottrop und Amberg verstehen? Falls ja, dann frage mich, ob man sich als Journalist derart flappsig über solch tragische Ereignisse äußern sollte – wohlwissend, dass unser Land ideologisch gespalten und die Stimmung aufgeheizt ist?

Oder wollte Nicole Diekmann lediglich ihre persönliche Position deutlich machen? Doch, wenn ja, wieso?

Die Frau arbeitet für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, der sogenannten „Lügenpresse“. Ich setze voraus, dass sie keinem extremen Lager angehört! Oder gibt es tatsächlich irgendwen da draußen, der befürchtet, dass das ZDF vom NSU unterwandert wurde? Müssen jetzt auch die anderen Kollegen des Zweiten »Nazis raus!« twittern? Wenn ja, warum hat Claus Kleber das noch nicht getan? Ist der etwa ein Fascho?!?

Was für Reaktionen hat sie sich erhofft?

Beifall? Differenzierte Diskussionen auf Sachebene? Leserbriefe von Rechtsradikalen, die nach einer Wegbeschreibung fragen?

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So naiv wird Nicole Diekmann wohl kaum gewesen sein. Zumal Twitter für die Korrespondentin doch kein Neuland ist (registriert: März 2013). Hat sie vorm 1.1. noch nie eine Reply bekommen, die sie hätte ahnen lassen können, dass es im Netz mehr als einen Spinner gibt? Hatespeech, CyberMobbing, NetzDG, etc. Klingelt da etwas?

Nennen wir das Kind beim Namen: Das war nicht mehr als…

Eine unnötige Provokation!

»Nazis raus!« – Das ist doch hohles Phrasengedresche auf Stammtischniveau, an Polemik von rechter Rhetorik kaum zu unterscheiden, plump und unbeholfen. Frei nach dem Motto: »Ey, ihr da, ihr seid scheiße! Wollte ich euch nur mal so gesagt haben!« Damit zeigt man doch nichts Anderes, als dass man selbst kein Bock mehr auf einen gescheiten Dialog hat. Man sinkt auf das Niveau derer, die man angreifen möchte. Glückwunsch!

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Dieser inflationäre Gebrauch des Terminus „Nazi“ ist in meinen Augen ohnehin ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Ein Begriff, der genauso hohl, populistisch und beleidigend ist wie „links-grün-versiffter Gutmensch“. Das eine verallgemeinert alles rechts der CSU, das andere alles links der AfD. Mensch, bin ich froh, dass unsere renommierten Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so gut differenzieren können.

Nochmal explizit: Warum beleidigend? „Versifft“ ist kein positiv besetztes Adjektiv und somit degradierend. Diesbezüglich ist man sich ja weitgehend einig. Doch ein Vergleich mit Massenmördern und Kriegsverbrechern ist auch nicht ohne.

Summa summarum: Nicole Diekmanns Tweet war eine unnötige Provokation in Richtung rechts. Eine Einladung zum Streiten, die – wie zu erwarten war – dankend angenommen wurde. Dass sie sich infolgedessen noch zusätzlich auf einen Schlagabtausch mit dem aufgebrachten Mob eingelassen hat, dort des Weiteren mit Witz sowie Ironie punkten wollte, hat es nicht besser gemacht – obwohl ich bei ein paar Antworten schon gut lachen musste.

So spalten wir unsere Gesellschaft!

Mit Tweets wie »Nazis raus!« kann ich nur wenig anfangen. Genauso wenig bin ich ein Freund dieser unzähligen Hashtags, die Woche für Woche ins Leben gerufen werden. Was haben uns #WirSindMehr, #MeTwo oder #NazisRaus gebracht? Wahrscheinlich gar nichts.

Wurde die AfD in Grund und Boden getwittert?

Im Gegenteil: Laut der Sonntagsfrage, hat die Partei Zuwächse seit der letzten Bundestagswahl zu verzeichnen.

Quelle: wahlrecht.de

Was haben wir überhaupt davon, zu wissen, wer ein „Nazi“ oder ein „Gutmensch“ ist?

Viele haben das Bedürfnis, sich selbst mit einem Etikett zu versehen, weswegen man bei einigen die politische Gesinnung sogar der Twitter-Biografie bzw. dem Profil entnehmen kann. Auf einen Blick soll man so sehen, wofür man steht. Stellung beziehen scheint heutiger wichtiger denn je.

Die Folge: Gleichgesinnte sind willkommen, die anderen sollen bitte verschwinden! Ich erinnere hier an #UnFollowMe: Ein Aufruf, dass man „Nazis“ nicht als Follower haben möchte. Bestimmt gut gemeint, aber leider total am Ziel vorbei.

Leute, eine Gesellschaft, die in zwei Lager gespalten ist, kann doch nicht wirklich euer Ziel sein?!

Immer wieder lese ich den gleichen Satz: »Habt ihr Nazis aus 1933 – 1945 nichts gelernt?« Gegenfrage: Habt ihr alle nichts aus 1918 – 1933 gelernt?! Deutschland hin- und hergerissen zwischen Kommunisten, Nazis und Demokraten, von denen Teile der Bevölkerung enttäuscht waren. War super! Ging echt voll gut aus!

Eine gespaltene Gesellschaft, die nicht mehr miteinander redet, sich in Lager zurückzieht und in Filterblasen lebt, ist ein Nährboden für Unruhen. Das solltet ihr in eurer blinden Wut nicht vergessen.

Der Streit als Ziel?

Sich gegenseitig anzupöbeln, niederzuschreien und mit Kacke zu bewerfen, scheint im Affengehege und im Battlerap ein probates Mittel zu sein, doch andernorts nicht. So löst man keine Probleme, so schafft man allerhöchstens neue.

Twitter als Sinnbild

Doch so langsam überkommt mich ohnehin das Gefühl, dass niemand mehr an einer konstruktiven Lösung ein Interesse hat. Ich beobachte eigentlich nur, wie beide politischen Lager versuchen, sich gegenseitig fertigzumachen, um die Bestätigung der Gleichgesinnten einzuheimsen – wovon allerdings im Grunde genommen niemand wirklich profitiert.

Mir zumindest fällt kein einziges Leben in Deutschland ein, welches durch Twitter gerettet wurde – und das, obschon eure altruistische Hingabe so groß ist. Im Gegenzug ist die Liste an Menschen, die durch Hatespeech, Bashing, usw. fertiggemacht wurden, endlos lang.

Was ich daraus schließe: Wie so häufig im Leben, sind wohl die größten Freiheitskämpfer zugleich die größten Fanatiker, die mehr Schaden anrichten als Positives zu bewirken.


Nachwort:

Ich habe mir vorgenommen, zu diesem Beitrag keine „replies from the hell“ zu beantworten. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Für alle, die jetzt ungerechtfertigt die Nazi-Keule schwingen wollen, folgende Infos, obwohl sie euch eigentlich nichts angehen:

Ich bin doppelter Staatsbürger, bei der letzten Wahl habe ich die SPD gewählt und mein Eigentum vermiete ich an zwei junge Pärchen, die nicht mal der deutschen Sprache mächtig sind. By the way: Man kann bei der Integration von Menschen helfen, selbst wenn man nicht auf Twitter Flagge zeigt!

Trotz meiner Überzeugungen, werde ich mich hüten, irgendwen als „Nazi“ zu beschimpfen, nur weil er kein Befürworter von Angela Merkels Flüchtlingspolitik ist oder die Migrationspolitik der BRD kritisch sieht.

In meinem Freundeskreis wurden sowohl die Linken als auch die AfD gewählt. Soll ich meine Freunde jetzt abstoßen oder lynchen? Wer das meint, ist meiner Meinung nach extremer als das angeprangerte Feindbild.

Zweitens: Ich bin im letzten Jahr hunderten von Accounts entfolgt, weil ich keine Lust mehr auf diese eindimensionalen Mist habe. Aber egal, was ich auch tue, es führt kein Weg vorbei.

Das ärgert mich. So sehr, dass ich allmählich sowohl die Lust am twittern wie auch bloggen verliere. Diverse Themen sind zu komplex, um sie oberflächlich auf Twitter auszudiskutieren. Ich habe mich wegen ein paar lustigen Ulknudeln oder interessanten Fußballfans bei Twitter angemeldet, nicht um Hobby-Politologen und selbsternannten Aktivisten beim Streiten zuzugucken.

Des Weiteren hadere ich damit, dass ständig irgendwer an den Pranger gestellt werden muss oder wegen allem und jedem ein Fass aufgemacht wird.

Ich werde diese Gedanken mal in Ruhe sacken lassen und dann schauen, welche Konsequenzen ich daraus ziehe.


Bildquellen

„arguing-1296392“ von OpenClipart-Vectors @Pixabay. Bearbeitet von Juri Kristiansen. Lizenz: CC0 1.0

„monkey-456093_1280“ von Heiko Stein @Pixabay. Lizenz: CC0 1.0

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