Sind die Zweifel an Kovac berechtigt?

Niko Kovac ist nicht unumstritten. Lest meine Meinung, was für und gegen Kovac spricht!

Nachdem die ersten sieben Pflichtspiele gewonnen wurden, blieb der FC Bayern die letzten drei Partien sieglos. Zugegebenermaßen passiert das nicht alle Tage, dennoch besteht eigentlich nur wenig Grund zur Sorge: In der Bundesliga ist man Tabellenzweiter und nur ein krankhafter Pessimist kann ernsthaft befürchten, dass man in der Gruppenphase der Champions League scheitern könnte.

Doch beim Rekordmeister und vor allem den erfolgsverwöhnten Fans ticken die Uhren nun mal ein wenig anders. 12 Tage(!) ist es her, da behauptete Schalkes Christian Heidel noch, die Münchner wären unschlagbar. Bayerns siebte Meisterschaft in Folge war allgemein hin beschlossene Sache. Doch nun, keine drei Spiele später, wird in den Sportmedien von einer handfesten Krise gesprochen und spätestens seit der ersten sowie einzigen(!) Niederlage gegen die Hertha, gibt es im Netz mehr Jupp Heynckes Witze als Pornowerbung.

Wie so oft, liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Doch die Diskussion ist für mich Grund genug, der Thematik mal ein wenig auf den Grund zu gehen.

Parallelen zu Ancelotti?

Ich kann es keinem verübeln, der beginnt, Parallelen zu Carlo Ancelotti zu ziehen. Die schonungslose Dominanz des FC Bayerns scheint von heute auf morgen verpufft zu sein und ungewohnterweise wäre man nicht mehr bereit, sein komplettes Hab und Gut auf einen Sieg des Rekordmeisters zu setzen. Die ach so langweilige Bundesliga ist plötzlich wieder spannend und wir stellen uns nicht mehr die übliche Frage, wie hoch der FC Bayern gewinnen wird, sondern ob er es tun wird.

Kai Uwe S. hat alles verloren, weil er sein komplettes Hab und Gut immer auf die Bayern gesetzt hat.

Jaja, es ist alles so furchtbar. Ich weiß… Doch mal Hohn und Spott zur Seite: Meiner Meinung nach, wird der Vergleich Kovac nicht gerecht!

Unter Ancelotti wirkten die Bayern dem BVB hoffnungslos unterlegen. Der Rekordmeister war dritter, die Borussen führten ungeschlagen die Tabelle an und Peter Bosz galt zu dem Zeitpunkt noch als der aufgehende Stern am Trainerhimmel. Zusätzlich hagelte es in der Königsklasse eine 0:3-Niederlage gegen Paris SG und diverse Bayernspieler untergruben in aller Öffentlichkeit die Autorität des Coachs.

Die Tabelle zu Ancelottis Entlassung. Man beachte Dortmunds Torverhältnis.

Meine Frage: Ist die aktuelle Lage denn wirklich so aussichtslos? Ich denke nicht.

Dennoch habe ich ein Déjá-Vu!

Ich will aber auch nicht alles kleinreden, denn es gibt sehr wohl Grund zur Skepsis. Nicht aufgrund der Ergebnisse, sondern viel mehr wegen der Spielweise der Münchner.

Aufgrund meiner kroatischen Wurzeln, habe ich Niko Kovacs Arbeit bei der kroatischen Nationalmannschaft intensiv beobachtet und die Probleme scheinen eins zu eins die gleichen zu sein:

  • Das Angriffsspiel krankt, denn im letzten Drittel fehlt es an Kreativität und man hat nie das Gefühl, dass, trotz enormer Qualitäten in der Offensive, der Gegner ausreichend unter Druck gesetzt wird.
  • Zweitens spielen unter Kovac diverse Garanten weit unter ihren Möglichkeiten. Jerome Boateng – sonst Weltklasse, momentan Kreisklasse – ist hierbei das offensichtlichste Beispiel.
  • Zudem häufen sich Berichte, dass der ein oder andere Spieler unter Kovac nicht sonderlich glücklich ist. Doch Vorsicht: Wir kennen den Sportjournalismus und sollten erfahrungsgemäß solchen Gerüchten mit Skepsis begegnen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Niko Kovacs Zeit als Trainer der „Vatreni“ war weder eine lange noch eine erfolgreiche, was schlussendlich darin gipfelte, dass die Spieler öffentlich Respektlosigkeiten zeigten und „gegen ihren Trainer spielten“.

Wenn es so weiter geht, dann befürchte ich, dass die Geschichte sich wiederholen könnte.

Fehlt Kovac eine Spielphilosophie?

Pep Guardiola: Ballbesitz um jeden Preis
Jürgen Klopp: Vertikale Pässe, Blitzangriffe
José Mourinho: Defensivfußball, „Mauertaktik“

Wie wir sehen, haben die größten Trainer unserer Zeit in der Regel eine Spielphilosophie, die sie erfolgreich macht. Doch hat Kovac überhaupt eine?

Spielt der FC Bayern einen „Hurra Fußball“? Nein, das Offensivspiel ist eher ideenlos. Spielen die Bayern einen Defensivfußball? Wer den Hühnerhaufen, der sich Abwehr schimpft, gegen Ajax gesehen hat, hat die Frage sich bereits selbst beantwortet. Presst der Rekordmeister? Schaltet er blitzschnell von der Verteidigung in die Offensive? Lasst uns darüber besser den Mantel des Schweigens legen.

So schön ich es finde, wenn Neymar umgeholzt wird: Kämpfen allein reicht leider nicht, wie man bei der WM 2014 gesehen hat.

Nein, das einzige, was ich von Kovac immer höre, ist kämpfen, kämpfen, kämpfen, Einstellung, Wille, etc. Doch erlaubt mir die Frage: Brauche ich dann wirklich einen Fußballlehrer? Wäre ein Motivationscoach dann nicht die bessere Wahl?

Was könnte Kovac jetzt tun?

Niko Kovac ist nicht nur eine große wie auch inspirierende Persönlichkeit, er ist auch zweifelsohne ein hervorragender Fußballtrainer. Das hat er während seiner Zeit in Frankfurt bewiesen. Kovac hat einen hoffnungslosen Abstiegskandidaten übernommen und diesen, trotz beklagenswerter Mittel, zum Pokalsieger gemacht bzw. die Eintracht nach Europa geführt. Der Mann kann etwas! Wer das nicht erkennt, dem kann ich nicht helfen.

Doch was hat ihn so stark gemacht? Seine natürliche Autorität, seine Führungsstärke und dass er sein Ding durchgezogen hat. Niko Kovac war bei den Hessen über jeden Zweifel erhaben und seine Entscheidungen wurden weder von der Chefetage oder den Fans in Frage gestellt. Haben diverse Spieler „aufgemuckt“, haben sie bei ihrer Revolte keine Unterstützer gefunden. Niko Kovac ist ein „Alphatier“. Anders kann der Mann gar nicht funktionieren.

In einem Verein wie dem FC Bayern, mit all seinen großen Egos, wird Kovac, ähnlich wie damals in Kroatien, vor eine immense Herausforderung gestellt. Umso wichtiger, dass er beginnt, auf den Tisch zu hauen und sein eigenes Ding durchzuziehen.

Warum wird überhaupt weiterhin im typischen Bayernsystem – nach Wahl 4-1-4-1 oder 4-2-3-1 – gespielt? In Frankfurt arbeitete Kovac regelmäßig mit einer Dreierkette, was bei der Anzahl an Innenverteidigern möglicherweise auch nicht so verkehrt wäre.

Er hatte damals, ganz im Gegensatz zu heute, eine Spielphilosophie: Knochenharter Defensivfußball kombiniert mit blitzschnellen Kontern. Wo ist die hin?! Schon klar, gegen mauernde Gegner kannst du diese Spielweise nicht eins zu eins adaptieren, doch spätestens nach dem Führungstreffer, kannst du ja Konterfußball spielen lassen – Stichwort: Taktische Flexibilität.

Und warum zur Hölle ist der FC Bayern eigentlich der einzige Verein, wo Spieler ständig motzen dürfen, dass sie nicht genug spielen oder ausgewechselt werden? Bei ManCity, Real, Barca, etc. sind die Bänke gefüllt mit Superstars. Nur die Bayern kaufen für Lewandowski keinen akkuraten Ersatz, weil sich Weltklasse angeblich nicht auf die Bank setzen möchte. Dieses Denken muss Kovac bekämpfen! Das ist eines Weltklubs nicht würdig. Niko, lass doch mal Robben und Ribery vor versammelter Mannschaft erklären, warum sie so eminent besser als ihre Mitspieler sind. Mal sehen, ob sie danach noch so ein gutes Standing haben?

Was für Kovac spricht!

Dem Trainer den Miesepeter zuzuschieben ist natürlich einfach. Wahrscheinlich zu einfach. Denn man sollte folgende Faktoren nicht außer Acht lassen:

1. Bayerns Transferpolitik…

… für die ich keine Worte finde. Das Geld ist da, doch es wird nicht investiert. Der Kader der Münchner ist stellenweise absolut überaltert und es gibt viel zu viele verletzungsanfällige Spieler. Das kostete die Bayern schon des Häufigeren die Champions League-Trophäe. Transfers sind jedoch keine Trainersache.

Wir brauchen keine neuen Spieler! (Uli Hoeneß, Fußballphilosoph)

2. Zeit

Auch Jupp Heynckes hat nicht auf Anhieb das Tripple gewonnen. Im Gegenteil: Trotz des besten Kaders der Liga heimste der BVB Titel für Titel ein. Es ist unmenschlich, dass man seit Jupp Heynckes neuen Trainern keine Zeit gewährt.

3. Der Abwärtstrend begann nicht unter Kovac!

Seit dem Ausscheiden in der Königsklasse gegen Real Madrid, ließ die Performance einiger Leistungsträger nach. Ich erinnere an die Niederlage gegen Stuttgart am letzten Spieltag, die Pokalpleite gegen Frankfurt oder den Auftritt der Nationalelf bei der WM. Ein schwacher Saisonstart hätte mich nicht verwundet, der blieb aber aus.

4. Durststrecken sind beim FCB normaler als man meint!

Bayern hat jedes Jahr dasselbe Problem: Gegen Ende der Saison ist die Luft raus. Das war unter Guardiola so und hat sich letzte Saison unter Heynckes nicht geändert.

Ich persönlich habe eine „Krise“ lieber zu Beginn als zur entscheidenen Phase der Saison. Die Bayern müssen in Form sein, wenn es darauf ankommt. Ob Kovac das schafft, können wir bis dato nicht beurteilen. Aber wir sollten uns hüten, ihn vorzuverurteilen, weil ein paar Spiele in Folge Ebbe angesagt war. Seine Vorgänger waren diesbezüglich nämlich nicht besser.

Bayerntrainer: Der undankbarste Job der Welt!

Wenn du alles gewinnst, dann hast du nicht mehr getan, als deine Pflicht zu erfüllen. Schaffst du nicht mindestens das Double, bist du gescheitert. Leute, was ist das für ein Anspruch? Wie ihr seht, bin auch ich jemand, der Bayernspiele sehr kritisch verfolgt und einiges in Frage stellt, aber dennoch sollten wir die Kirche mal im Dorf lassen.

Niko Kovac muss mit Sicherheit noch einiges korrigieren, aber wir sind von einem Katastrophenstart meilenweit entfernt. Natürlich hat er dafür, aufgrund der Erwartungshaltung der Bayern, bei weitem nicht so viel Zeit wie bei manch anderem Klub, aber ich halte es für zu früh, ihn abzuschreiben.

Mein Appell: Gebt ihm noch Zeit, seinen Weg zu finden und diverse Fehler zu berichtigen. Blinder Aktionismus bringt uns nämlich auch nicht weiter.

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