The Purge als Serie: Besser als die Filme?

The Purge hat einen verdammt starken Start hingelegt! Kann die Serie das hohe Niveau bis zum Ende halten?

Alle Filme des The Purge-Franchises haben eines gemeinsam: Sie starten stark, doch sobald versucht wird, der Gewaltorgie eine Handlung, Moral oder etwas mehr Tiefgang zu verleihen, geht’s steil bergab. Zucken in der ersten Hälfte (aufgrund der Brutalität) vor allem zart besaitete Zuschauer zusammen, werden die Streifen gegen Ende für jeden zur Folter, der einen IQ über 80 hat oder fehlerfrei seinen eigenen Namen schreiben kann.

Diesen Herbst startete auf Prime Video die gleichnamige Serie. Wie bereits in meinem „Halbzeitfazit“ beschrieben, haben mir die ersten fünf Folgen richtig viel Freude bereitet. Wird die zweite Hälfte an diesen Start nach Maß anknüpfen können oder leidet auch die Serie am „Fluch der zweiten Hälfte“?

Es ist wieder der 21. März!

Besser bekannt als die „Purge Nacht“, in welcher Verbrechen jeglicher Art nicht unter Strafe gestellt werden. Wie seit dem zweiten Teil der Reihe üblich, begleiten wir auch in der Serie gleich mehrere Personen durch die „Nacht ohne Gesetze“. Hierbei gliedert sich die Handlung in vier Geschichten, welche parallel erzählt werden.

Welche Charaktere das sind und was für Gründe sie haben, idiotischerweise während der Säuberung freiwillig das Haus zu verlassen, könnt ihr in meinem ersten Beitrag zu The Purge etwas ausführlicher nachlesen.

Das hat mir an The Purge gefallen!

The Purge hat ein hervorragendes Erzähltempo! Die einzelnen Figuren werden relativ zügig vorgestellt und auch die Action lässt nicht allzu lange auf sich warten. In keiner der zehn Episoden kommt es zu unnötigen Leerläufen oder Längen, die das Zuschauen anstrengend werden lassen. Checke ich bei der ein oder anderen Serie (beispielsweise The Walking Dead) aus Langeweile meine Timeline, hatte ich bei The Purge, so glaube ich, kein einziges Mal mein iPhone in der Hand.

Faustregel: Trägt jemand ne Maske, solltest du rennen oder verdammt gut bewaffnet sein.

Auch in puncto Atmosphäre sucht die Serie ihres Gleichen: Masken, Kostüme, Schauplätze, das ständig laufende Propagandaradio, usw. Alles top! Man spürt jederzeit diese latente, omnipräsente Gefahr, die den einzelnen Personen rund um die Uhr im Nacken sitzt.

Und wer befürchtet, dass man aufgrund des Serienformats eine „Purge Light“ präsentiert bekommt, den kann ich beruhigen: Voyeuristisch veranlagte Hobby-Sadisten kommen auch hier auf ihre Kosten! Ergo: An Gewalt oder mannigfaltigen Tötungsmethoden wird auch in der Serie nicht gespart.

Stark angefangen, stark nachgelassen!

The Purge ist wie ein schlechter Marathonläufer: Zu Beginn wird Vollgas gegeben, doch gegen Ende geht der Serie die Puste aus. Ebenso wie die Filme kann also auch die Serie mit dieser alten Tradition nicht brechen. Das ist verdammt schade, hatte The Purge doch das Potenzial, eine der größten Überraschungen der letzten Jahre werden zu können.

Wie sagte Lothar Matthäus einst so schön: »Could be, could be, bicycle chain…«

Wie man es aber auch dreht und wendet, The Purge leidet unter den folgenden Schwächen:

Miguel und Penelope

Wenn man die einzelnen Charaktere betrachtet, dann merkt man relativ schnell, dass für nahezu jede Zielgruppe mindestens eine Hauptfigur dabei sein soll. Verpassen also Jane, Joe oder die Betancourts der Serie eine gewisse Tiefe, so sind der Supersoldat Miguel und seine nervtötende Schwester eindeutig für das The Fast & The Furious-Publikum gedacht.

Spoiler: S01|E10

Dass uns gerade diese beiden Sparlampen für eine zweite Staffel übrig bleiben, bereitet mir Bauchschmerzen!

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Miguels Szenen sind so geistreich wie ein durchschnittliches Call of Duty und zugleich so bewegend wie Gangster-Rap-Videos von 50 Cent. Penelope hat die „deepness“ eines Glückskekses, der sich stets selbst bemitleidet. Man hätte ihre Sprechparts streichen und sie einfach in Ruhe Bus fahren lassen sollen. Durch Pete, den ruffen und verdammt coolen Cop, der mehr Street Credibility als der komplette Wu Tang Clan zusammen hat, wird das Trio Infernale perfekt.

Penelope: Nur Skyler (Breaking Bad) und Maggie (TWD) nerven mehr!

Dass sich die beiden Draufgänger bereits nach ihrer langjährigen Freundschaft von fünf Stunden gegenseitig als Brüder bezeichnen, lässt mir die Hoden schrumpfen. Der martialische Marine-Trash-Talk (Semper Fi, UHA!) zum Schluss ließ sie mir sogar instant absterben. Doch keine Sorge, ich habe mir bei meinen Brüdern Miguel und Pete bereits Neue aus Stahl bestellt. Die haben ja Cojones für zwei oder drei.

Vorhersehbarkeit

Spoiler: S01|E10

Egal, wie misslich die Lage auch sein mag, die Hauptdarsteller werden das schon irgendwie überleben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und ja, es ist zugleich ziemlich ermüdend.

Wir reden hier von der gefährlichsten Nacht der Welt. Alle sind bis auf die Zähne bewaffnet. Jeder will töten. Doch wenn die maskierten Killer auf unsere Helden treffen, werden aus blutrünstigen Monstern die größten Stümper. Ich weiß nicht, was ich ätzender fand: Miguel und Penelope mit dem Crackhead im Zirkuszelt, Jane auf der Sex-Party oder das misslungene Tribunal zum Schluss.

Game of Thrones und The Following zeigen: Die moderne Serie sollte so nicht sein! Jeder Darsteller ist entbehrlich! Es nervt, wenn der Held unter keinen Umständen nicht vorm großen Showdown bzw. Finale sterben darf.

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Ziemlich viele Helden

Die einzelnen Charaktere haben, trotz der bedrohlichen Lage sowie dem Ausbleiben juristischer Konsequenzen, ungewöhnlich hohe Moralvorstellungen, weswegen sie mehr als einmal heldenmutig ihr eigenes Leben riskieren, um das „Richtige“ zu tun.

Sorry, Leute, bereits ohne Purge beklagen wir uns über mangelnde Zivilcourage. Dass die Menschen gerade während der Säuberung damit anfangen, sich aufopferungsvoll für Andere einzusetzen, halte ich für gänzlich unrealistisch.

Spoiler: S01|E05

Jo, ein geisteskranker Crackhead ist drauf und dran meine Schwester in Brand zu stecken und ich habe nichts Besseres zu tun, als meine einzige Eintrittskarte zu opfern, damit ich zwei Geiseln eines Menschenhändlers befreien kann. Ist klar…

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Fazit

Selbst wenn die Serie die eklatanten Fehler der Filme wiederholt, halte ich sie für besser als ihre Vorbilder; mit Ausnahme vom ersten Teil. Ja, auch hier wird in der zweiten Hälfte einiges zum Aufregen und Fremdschämen geboten, doch das ist kein Vergleich zu Anarchy oder Election Year.

Nein, habe dich nicht vergessen! Auch du warst so nützlich wie Ampeln in GTA.

Nichtsdestotrotz finde ich es verdammt schade, dass man es versäumt hat, auf dem extrem vielversprechenden Fundament der ersten vier Folgen aufzubauen. The Purge hätte einer der größten Hits werden können, wäre man mutig genug gewesen, die menschlichen Abgründe aufzuzeigen. War man aber leider nicht! Stattdessen wurde uns (wie gewohnt) eine spannende, immens ansehnliche Handlung geboten, welche vor Belanglosigkeit nur so strotzt.

Somit bleibt auch die Serie der Devise des Franchises treu: Zu schön für trash, zu trashig, um ein echter Blockbuster zu sein.

Wertung: 3,5/5 Sternen und für Kenner: 6 von 9

Bildquellen

„The Purge“ von Patti Perret/USA Network @Amazon Newsroom. Lizenz: © Patti Perret_USA Network (Nutzungserlaubnis erteilt durch Amazon)

„Purger“ von Patti Perret/USA Network @Amazon Newsroom. Lizenz: © Patti Perret_USA Network (Nutzungserlaubnis erteilt durch Amazon)

„(l-r) Reed Diamond as Albert Stanton, Colin Woodell as Rick“ von Patti Perret/USA Network @Amazon Newsroom. Lizenz: © Patti Perret_USA Network (Nutzungserlaubnis erteilt durch Amazon)

„Penelope“ von Patti Perret/USA Network @Amazon Newsroom. Lizenz: © Patti Perret_USA Network (Nutzungserlaubnis erteilt durch Amazon)

„Fiona Dourif as Good Leader Tavis“ von Patti Perret/USA Network @Amazon Newsroom. Lizenz: © Patti Perret_USA Network (Nutzungserlaubnis erteilt durch Amazon)

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